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Abtsdorf (bei Agnetheln)
- ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen


Mathilde Melzer (1957-)

Erinnerungen an Weihnachten in Abtsdorf

Weihnachten in unserem kleinen Heimatdorf hatte für mich, und wahrscheinlich auch für viele von uns, einen ganz besonderen Reiz. Ich erinnere mich gerne an diese schöne und friedliche Zeit in Abtsdorf.
Oft frage ich mich jetzt als Erwachsene: “Warum war es damals stimmungsvoller und besinnlicher, das Heilige Fest? Waren es nur die Kinderaugen, das unbeschwerte Gemüt und die Sorglosigkeit unserer Jugend, die Weihnachten in Abtsdorf so unvergleichlich schön machten?”
Ich versuche mir diese Frage zu erklären:

Wir lebten in unserem kleinen Ort ziemlich abseits vom Stadtgeschehen. Im Winter lag Abtsdorf still und fast abgeschnitten vom Rest der Welt zwischen schneebedeckten Bergen und Wäldern. Es gab in den ersten Jahren meiner Kindheit tatsächlich keine Verbindung nach außen. Man musste in die nächste Stadt mit den Pferden fahren oder, wie so oft, zu Fuß laufen, -“iwert Rech” (über den Berg). Man kann sich heute vorstellen, dass dieses Unterfangen in den strengen siebenbürgischen Wintern kein einfaches war, zumal der Schnee auf den Pfaden meterhoch lag, die Tage kurz waren und die Wölfe ihre Runden bis fast ins Dorf hinein drehten.
Unsere Abgeschlossenheit machte uns jedoch weder hinterweltlicherisch noch trübsinnig.
Im Gegenteil: wenn die Arbeit auf dem Feld getan war, hatte man viel Zeit für Muße und Geselligkeit. In diese Zeit fielen nun Advent und die Weihnachtsfeiertage.

Die Bräuche und Sitten, die sich mit Weihnachten verbanden, waren ländlich, natürlich, lebensbezogen und wunderschön, weitab von Konsumdenken, Lärm und Angeberei. Sie stärkten den Zusammenhalt und die Gemeinschaft.

In die Vorweihnachtszeit fiel das “Schweineschlachten”, das oft zu einem Familien oder Nachbarnfest wurde, trotz der vielen Arbeit, die so ein 200-Kilo-Schwein mit sich brachte. Es war ja Hilfe da! Für uns Kinder war es ein tolles Erlebnis.
Mit rot gefrorenen Nasen warteten wir auf ein Stückchen Ohr oder Schwänzchen vom braun geflammten Schwein. Wenn nun die frischen Würste in der Kammer hingen, der Speck und das Fleisch zum Einsalzen im Keller lagen und das Sauerkraut in der Bütte gärte trafen Mutter und Großmutter Vorbereitungen für den großen Backtag. Einen bis zwei Tage vor Heilig Abend wurde der Backofen mit Holz angeheizt.
Ich stand voller Bewunderung neben Mutter uns staunte, wie sie die großen Teigberge sicher auf den Herd “schoss”. Nach zwei Stunden wurden riesige Vier Kilo Brote herausgeholt, die in den nächsten Tagen auf ihren Verzehr warteten.
Anschließend wurde Hanklich, Grieß- und Apfelfladen und Nussstriezel gebacken, typisch siebenbürgisches Feiertagsgebäck.
Natürlich waren wir Kinder an diesem Tag ausnahmsweise nicht beim Schlittenfahren. Wir hielten uns in der Nähe des Backofens auf, oder spielten vor dem Tor auf der Straße. Wir konnten es kaum erwarten, bis die erste Hanklich duftend aus dem Ofen gezogen und noch glühend, mit Puderzucker bestreut, an die Herumstehenden verteilt wurde. Es schmeckte wirklich fabelhaft nach frischem Büffelrahm, Eiern und Vanille.

Die “geistige Nahrung” blieb in Abtsdorf nie auf der Strecke. An den vorweihnachtlichen Nachmittagen sah man die Kinder aus allen Gassen ins Pfarrhaus strömen, wo für den “großen Abend” geprobt wurde. Wir lernten Weihnachtslieder, Gedichte, das Krippenspiel und vieles mehr.
Zu Hause gingen die Vorbereitungen weiter. Man paukte fleißig den “Weihnachtswunsch”, den die Eltern am Abend mehrmals abhörten, damit ja nichts schief laufe (Stottern oder gar Steckenbleiben), wenn der Strenge Weihnachtsmann kam.

Es wurde viel gesungen in dieser Zeit und wir vermissten weder den Fernseher noch die Stereoanlage. Am Abend, wenn die kalten Äpfel zischend am Ofenrand tänzelten, griff Vater zur Mundharmonika und spielte was vor.
Wir Kinder in Abtsdorf hatten das große Glück, bei Herrn Lehrer Schwarz Blockflötenunterricht zu bekommen, und das außerhalb der Schulstunden, eine Bemühung, für die ich mich heute bei ihm bedanken möchte.
Die Flöte kam in der Weihnachtszeit auch öfter zum Einsatz und wir unterhielten uns köstlich über das Gepiepse, wenn beim Üben nicht der richtige Ton gefunden wurde.

Endlich war es dann soweit. In fiebernder Erwartung zählten wir die Stunden bis zum Heiligen Abend, der bei uns die “Christnacht” genannt wurde.
Vater brachte aus dem nahen Wald noch schnell ein kleines Bäumchen, welches mit bunt verpacktem Marzipan, Kugeln, Nüssen und Äpfeln geschmückt wurde. Und es gab richtige rote Kerzen, die am Abend die Stube mit einem geheimnisvollen Licht erfüllten.
Nach dem Abendessen folgte der Kirchengang. Allein der Weg dahin war für die Kinder ein Erlebnis: der Schnee knirschte bei jedem Schritt und funkelte wie tausend Sterne in der Abendbeleuchtung.

Es war der einzige Abend im Jahr, wo oben auf dem Friedhof ein Meer von Kerzen brannte. Man fühlte es: heute muss etwas ganz Besonderes passiert sein. Wir wussten alle, was es war, sogar der Jüngste unter uns. Wir waren vorbereitet auf die Ankunft des Herrn.

Das Schönste an diesem Abend war nun da: das gemeinsame Feiern in der Kirche. Wie eine große Familie waren alle zusammengekommen und im Mittelpunkt standen wir Kinder. Für uns hatte man den riesigen Tannenbaum geschmückt und die “Päckchen” zu Bescherung vorbereitet. Jedes Kind kriegte eines davon und die Augen glänzten um die Wette.

Daheim wurde das Bäumchen angezündet, Lieder wurden gesungen, aber die Geschenke brachte der Weihnachtsmann persönlich.
Mit großem Herzklopfen verfolgten wir das bedrohliche Schellengeläute der Weihnachtsmänner auf der Straße und wenn dieses mit Getrampel die Treppe hochkam, rückte ich ganz fest an meine Oma und betete inständig, meinen “Wunsch” nicht vergessen zu haben.
Der Weihnachtsmann zeigte sich streng, aber gerecht. Er lobte das Gute und tadelte mit erhobener Rute das Böse, was man im Laufe des Jahres angerichtet hatte. Ich denke mir, dass die Jungen auch von ärgeren Erlebnissen mit dem Weihnachtsmann berichten können. Ob das die Erziehung förderte, das sei heute dahingestellt.

Die Geschenkpalette war klein aber ihre Wirkung übergroß. Ich erinnere mich an Handschuhe, Strümpfe, Schals, Spielkarten, Mensch-ärgere-dich-nicht, Bausteine, ein Rechner mit bunten Holzkugeln, einen grün gestrichenen Schlitten, von Opa selber gemacht, Farbstifte, Taschentücher, Süßigkeiten… und andere liebe Kleinigkeiten. Unsere Kinder würden heute über solche Geschenke lachen, aber für uns waren sie das Höchste. Diese Freude, die wir damals erlebt haben, kann uns niemand nehmen. Man kann davon lange zehren.
Nachdem sich nun die Aufregung gelegt hatte, tranken wir noch Tee mit Rum, aßen Gebackenes und unterhielten uns mit den Verwandten oder Nachbarn, die auch auf ein Weilchen kamen.

Man weihte die neuen Spiele ein. Einmal spielten wir ”Schwarzer Peter” bis in die Nacht hinein und zeichneten unsere Gesichter mit Kohle, bis wir aussahen wie die Mohren. Mit überstrapazierten Lachmuskeln gingen wir dann zu Bett.

Ich konnte von so vielen Eindrücken noch lange nicht einschlafen und ich bin überzeugt, dass es den Anderen genau so ging.

Irgendwann in der Nacht kehrte dann die Ruhe über unser Dörfchen ein. Die Weihnachtsmänner waren von den Straßen verschwunden, die Lichter in den Häusern verloschen und nur ein heiseres Hundebellen unterbrach von Zeit zu Zeit die Stille der Nacht.
Allein der Nachthüter machte seine Runde durch das Dorf und ein einziges Haus war noch erleuchtet. Hier feierten die Jugendlichen meist bis zum Morgengrauen. Das Feiern nahm kein Ende in dieser Zeit.
Es folgten Sylvester, Neujahr und Heilige Drei Könige.

Behaltet unser Abtsdorfer Weihnachtsfest im Herzen und im Sinn! Es macht uns um ein Stück Lebenserfahrung reicher.

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