Wappen

Abtsdorf (bei Agnetheln)
- ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen

Guter Nachbar
(Kindheitserinnerungen)

Erich Schneider ( † 19.11.2008 )

Als ich auf die Welt kam, war er schon da. Nachbarn kann man nicht kaufen. Entweder man hat sie, oder man braucht sie. Die Nachbarn gibt einem der liebe Gott. Mir hat er den Nachbarn Johann Schatz gegeben. Dafür bin ich ihm auch heute noch dankbar. Wie viele andere Leute im Dorf, hatten auch wir ein Fenster zum Nachbarn. Von diesem Fenster aus konnte ich zu jeder Jahreszeit sehen, was unser Nachbar Schatz auf seinem großen Bauernhof gerade arbeitete. Und das tat ich gerne, weil ich ihn sehr mochte. Wenn ich von meiner Mutter “Dresch” beka, und er das hörte, rief er herüber: “Komm zu uns mein Kind, deine Mutter braucht keinen Jungen!”. Einen Jungen hatte er sich schon immer gewünscht neben seinen drei Mädeln. Er hatte ein großes Herz für Kinder und wirkte auf uns wie ein Magnet.

In regnerischen Tagen nahm er sich auch etwas Zeit für uns Kleinen. Neben kurzen Geschichten, erzählte er sehr lustig über seine Erlebnisse:”Als wir im Schlachthaus den grossen Büffelfarn schlachten sollten, schlug ich ihn zuerst mit der Axt auf den Schädel. Der ging sofort in die Knie. Dann schlug ich noch einmal zu. Darauf schlug ich noch einmal mit aller Kraft zu und lief zur Tür.”
Schön kurz erzählte er uns auch über seine Militärzeit. Als wir dann neugierig immer wieder Fragen stellten:”Was habt ihr dort am Schwarzen Meer noch erlebt?” ”Ich habe mir die Füsse gebadet.” Er sah uns gerne lachen.

Mit seinen starken Zähnen konnte er sogar Pfirsichkerne knacken. Sein größtes Kunststück nannte sich “Augenumdrehen”. Dabei klappte er seine beiden Augenlider hoch; das sah einfach gruselig aus. Wenn wir einmal nicht brav waren, machte er, ohne nur ein Wort zu sagen, einfach Gebrauch davon. Und wir machten uns aus dem Staub.
Soweit mein Nachbar mit Kinderaugen gesehen.

Unsere Nachbarin, Katharina Schatz, nannte er lobend Katharina meine Krone (Treng meng Kriun). Sie war tatsächlich die starke Frau an seiner Seite, die ihm 6 Töchter zur Welt brachte. Manchmal durften wir mit meiner Schwester Ilse auch dort essen. Damit auch die kleine Christine, damals 3 ½ mit uns in die Schüssel tunken konnte, wurde ihr zusätzlich ein schon gebrauchter Suppentopf, mit dem Boden nach oben, untergesetzt.

Nachbar Schatz war ein vielseitiger Mensch. In seinem grossen Mörser zerkleinerte er die (von ihm gesammelten) Heilpflanzen, die er vorher gesammelt und getrocknet hatte. Daraus wurde in der Familie Tee zubereitet. Als geschickter und sauberer Schlächter, schlachtete er bei uns jeden Winter mindestens zwei Schweine. Ich allein durfte ihm bei dieser Arbeit helfen. Darauf war ich mächtig stolz. Später sollte ich ja sein Nachfolger werden.

Auch als Landwirt war er sehr tüchtig. Seine Scheune war immer voll mit Futter und sein Stall voll Vieh. Cäsar und Fanni waren damals sein verlässliches Pferdegespann.
In einem Jahr wimmelte es sogar in seinem Schweinestall von schwarz-weiss gefleckten Ferkeln. Die alte und zwei junge Säue hatten gleichzeitig Junge. Begeistert sahen wir uns diese munteren Tierchen an. Als Vater hatten diese Ferkel den jungen, schwarzen Eber vom Prediger-Hof Nr. 43.
Familie Wagner hatte dieses Bassener Schwein privat gezüchtet und zum Decken freigegeben. Damit ist bloss der Name dieser Rasse, die heute vom Aussterben bedroht ist, gemeint.
Seine robuste Zurkana-Schafe, trugen alle kräftige Hörner. Mit denen konnten sie sich in der Herde besser durchsetzen. Auch abends beim Nachhausekommen waren sie immer die Ersten.

In seiner Freizeit las der Nachbar regelmässig die Zeitung und hielt sich mit seiner Wirtschaft an den Pflugkalender, welcher für die damaligen Landwirte wie ein Handbuch war. Da gab es noch die “Landwirtschaftlichen Blätter”, die unsere Landwirte informierten.
Neben dem 8-reihigen Mais baute er noch die Sorte Cinquantino an, eine Maissorte die nicht so ertraglich war, aber schmackhaftere Palukes gab. Ein begeisterter Zuckerrübenbauer war er auch. Bloss diese zu hacken gefiel ihm nicht so gut.
Als ich endlich gösser war, durfte ich ab und zu, ein Packerl Tabak, das damals 5 Lei kostete, kaufen. Angezündet wurden damals die selbstgedrehten Zigaretten mit einem Fackel aus dem Ofen, oder mit Feuerstein und Zünder.

Obwohl die Zeiten während des 2. Weltkrieges auch für die Bauern immer schwerer wurden, wagten es unsere Nachbarsleute ihre beiden jüngeren Töchter, Johanna und Christine, wie man damals sagte, auf die Schule zu schicken. Maria war unentbehrlich. Sie konnte in der Wirtschaft schon tüchtig anpacken. Sie war eine fröhliche Natur. Wenn sie auf dem Hof erschien, ging einfach die Sonne auf.
Leider führte sie das Schicksal nach Rusland wie andere 94 liebe Menschen aus unserem kleinen Abtsdorf auch.

Kurz darauf folgte die Enteignung. Fremde Einwohner wie J.Rogozan und Pãtruţ (Buhor Petru) kamen auf seinen Hof.
Das Alles war zu viel für diesen schon angeschlagenen Mann. Immer wieder versuchte er sich aufzuraffen. Weder die Arbeit auf dem Feld, noch sein Amt als Kirchenvater, konnten Ruhe in sein Leben bringen. Das Ganze schlug ihm auf den Magen. So wurde er schwer krank und hatte den einzigen großen Wunsch: seine Maichen noch einmal zu sehen.

Ende des Jahres 1949 kam sie eindlich Heim. Es war ein trauriges Wiedersehen. Nach wenigen Tagen schlief er im Krankenhaus für immer ein. Gott, lass’ ihn selig ruhn!

Ich sah schon lange nicht mehr gern zum Nachbarhof ‘rüber, denn da boten sich mir ganz andere Bilder. Ihn aber werde ich ewig in lebhafter Erinnerung behalten - den guten Nachbarn Schatz.

Heute frage ich mich: wo seid ihr anderen lieben Nachbarn alle geblieben?

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