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Abtsdorf (bei Agnetheln)
- ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen

Besuch von Dodi

Als ich genau vor zehn Jahren in einer Zeitung las: Dodi bei Prinzessin Diana eingebrochen, schoß mir wie ein Pfeil durch meinen Kopf: Mann den kennst du ja! Aber wie kommt der bis nach London?
Mein Gott, ich brauch einen Schnaps! Meine Flaschen stehen nie weit weg von mir. Dann setzte ich mich brav hin und machte erst mal Ordnung über Zeit und Geschehen in meinem Kopf. Ich dachte mit mir stimmt was nicht.

Ältere Leute erinnern sich noch: Bei uns in Abtsdorf hat es auch einen Dodi gegeben, der immer mehr bekannt wurde und für Schagzeilen sorgte. Dodi ist eigentlich ein schöner Name, wenn er nicht mit einer negativen Gestalt in Verbindung gebracht wird. Dieser Dodi lebte mit seinem Vater, der Mutter Anica, dem Bruder Gheorghe (Bebe genannt) seiner Frau und seinen zwei Kindern an der südlichen Ausfahrt in Richtung Agnetheln. Dicht an unserer Zigeunersiedlung.
Ihr kleines Häuschen wurde von zwei Seiten von einem kleinen Maisfeld umgeben, das als Monokultur über Jahrzehnte die Familie mit Maiskolben versorgte. Es diente gleichzeitig auch als Familienklo, ganz Bio, wie man heute sagen würde. Neben dem Häuschen stand noch ein alter Schuppen mit Flachdach aus Rutengeflecht und etwas darauf. Der sollte Pferde und Hunde vor Schnee und Regen schützen.
So eine Schinderfamilie gehörte früher in jedes siebenbürgisch-sächsische Dorf.

Nach Abtsdorf besonders, denn dort gab es Dank der leichten Futterbesorgung viele Haustiere. Es gab Seuchen, wie beispielsweise die Pest, bei dem Hornvieh Milzbrand, bei den Schweinen Rotlauf. Die Schinder hatten die Aufgabe, den betroffenen Bauern diese Tiere abzunehmen und schließlich ins Krematotium zu bringen. Da bei den Hunden immer öfter auch die Tollwut auftrat, durften sie auf der Gasse die frei umherlaufenden Hunde fangen. Mit den Hundefellen machten sie gutes Geschäft. Wenn diese Schinder ins Dorf kamen, hatten wir Kinder panische Angst. Vor allem vor dem taubstummen Bebe, der immer so laute, schrille Töne von sich gab.

Während unsere Schindersfamilie ihren Pflichten im Dorf nachgingen, trieb sich Dodi auf Jahrmärkten herum und machte Pferdegeschäfte. Dort übte er das Klauen und wurde ein echter Räuber, der oft seine Strafe im Gefängnis abbüßen musste. Einmal Blut geleckt, gab er nie auf, brachte es sogar bis zum Räuberhauptmann. Sein Hauptrevier reichte von Abtsdorf bis nach Mediasch. Dazu kamen noch die anderen naheliegenden Städte. Er war mit seiner Bande sehr gefürchtet. Sogar für die Gendarmen war er brandgefährlich. Auch festgenommen in Ketten, befreite er sich auf dem Weg zum Gefängnis.

Im Jahr 1950 war er wieder einmal auf freiem Fuß und meldete sich eines Tages bei meiner Mutter. Mein Vater war noch nicht zurück aus Russland. Er sagte kurz: “Mach ein Paket, ich fahre morgen nach Schäßburg und will es deinem Sohn mitnehmen.” Aus Angst machte meine Mutter, natürlich weder groß noch wertvoll, aber schnell, ein Paket, um Dodi loszuwerden. Dabei glaubte sie nicht wirklich, dass dieses Paket mich erreichen wird.
Am nächsten Tag, als ich vom Mittagessen kam, stand ein großer, ungepflegter Mann vor mir: “Ich bin Dodi und habe dir ein Paket von zu Hause mitgebracht.” Da stand ich schön blöd da vor einem Räuber und in meinem Schatten, meine verdutzten Schulkameraden. Im ersten Augenblick wollte ich ihn einfach stehen lassen und weitergehen. Er merkte das und sagte etwas spöttisch: “Mach nicht wie die Schollner Hanni (damit meinte er unsere Frau Jakobi aus Madiasch). Die habe ich vor Jahren auf dem Magarei-Jahresmarkt als Abtsdorfer mit “Guten Tag”gegrüßt. Sie dankte nicht, sie war mit zwei Damen. Als ich noch einmal grüßte, sah sie weg. Da stellte ich mich vor sie und sagte: “Servus Hanni!” und steckte ihr eine kurz davor gestohlene Brosche an ihre Bluse. Sie wurde rot vor Scham.”
Da wusste ich, was ich zu tun hatte und übernahm freundlich das Paket. Seit diesem Augenblick waren wir wieder Abtsdorfer. Er nahm mich mit in die Stadt. Dort wollte er mir zeigen, wo er in früheren Jahren Einbrüche verübt hatte. Auf dem Weg begegneten wir meinem Klassenlehrer Herrn Weber. Der fragte, ob das ein Verwandter von mir sei. Dann Bekannte, die sich nach uns umdrehten. So fühlte ich mich schon wieder nicht mehr gut in meiner Haut. Bloß Angst hatte ich keine.
Plötzlich verschwand Dodi um die Ecke, ohne ein Wort zu sagen. Und ich habe ihn nie wieder gesehen.

An diesem, sonst schönen Maientag, habe ich die Erfahrung gemacht, dass im Inneren eines jeden Menschen, auch in dem eines Dodi, es einen Stolz gibt, der nicht verletzt werden möchte. Dazu noch, dass es ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen uns Menschen gibt.
Warum Dodi mir unbedingt ein Paket vorbeibringen wollte, bleibt für mich auch heute noch ein Rätsel.

† Erich Schneider

Ingolstadt, 2. November 2008

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