Abtsdorf (bei Agnetheln)
- ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen

Evangelisches Kirchengebäude und Glockenturm
Quelle: Michael Konnerth (1997): Abtsdorf - ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen
Seite 345-349 und 354-366

Die ehemalige Abtsdorfer Kirchenburg

Nach den furchtbaren Verheerungen durch die mongolischen Horden (1241/42) ging man vielerorts in Siebenbürgen daran, Verteidigungsanlagen zu bauen. Es entstanden so genannte Fluchtburgen, die auf ortsnahen, meist bewaldeten und schwer zugänglichen Bergkegeln von mehreren benachbarten Gemeinden gemeinsam errichtet und benutzt wurden.

Mit den Türkeneinfällen, die 1395 einsetzten und erst Ende des 17. Jahrhunderts mit den Siegen der Habsburger ihr Ende fanden, begann eine neue Phase in der Geschichte der siebenbürgischen Wehrbauten.

Während sich die Städte, wie beispielsweise Hermannstadt und Kronstadt, mit mächtigen Befestigungsgürteln umgaben, mussten sich die ländlichen Siedlungen darauf beschränken, die Dorfkirche zu befestigen, die der Bevölkerung und ihren Vorräten bei kürzesten Fluchtwegen den besten Schutz gegen feindlichen Ansturm bot.

Die Kirche und der sie umgebende Kirchhof, der bis Ende des 18. Jahrhunderts auch als Friedhof diente, waren auch deshalb der geeignetste Ort für Befestigungsanlagen, weil zu jener Zeit das Gotteshaus oft der einzige Steinbau im Ort war.

Die Fachliteratur unterscheidet zwischen Wehrkirche und Kirchenburg.
Bei einer Wehrkirche lag der Schwerpunkt der Verteidigung auf dem wehrhaft ausgebauten Gotteshaus. In der Regel wurde der Westturm mit einem auf Hängeböcken ruhenden offenen Umlauf versehen, über dem erhöhten Chor einer oder mehrere, mit Schießscharten und Pechnasen bestückte Wehrgänge errichtet oder sogar das Kirchenschiff für Wehrzwecke ausgebaut.

Bei einer Kirchenburg wurde das Kirchengebäude selbst nicht befestigt, sondern man errichtete um Kirche und Kirchhof eine oder mehrere bis zu 15 m hohe und bis zu 4,5 m starke Ringmauern, die mit Wehrgängen, Schießscharten und Pechnasen versehen waren. Die Burg wurde zusätzlich durch aus den Ringmauern vorspringende und aus mehreren Stockwerken bestehende Wehrtürme und Basteien verstärkt. Oft befand sich außerhalb der Ringmauer noch ein Wassergraben, wie beispielsweise bei der Honigberger Kirchenburg, der ein erstes Hindernis für die Angreifer darstellte.

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Unter dem Druck der wiederholten Türkeneinfälle haben auch die Abtsdorfer eine Wehranlage, und zwar eine Kirchenburg, errichtet. Der Kirchhof um die Kirche herum wurde mit einer Ringmauer umgeben, während die Kirche selbst unverändert blieb. Leider ist von der Ringmauer nichts mehr erhalten geblieben. Die letzten Reste wurden im Jahre 1913 beseitigt. Das Abbruchmaterial fand beim Bau der Schule Verwendung.
Die Abtsdorfer Kirchenburg wird in keiner wissenschaftlichen Abhandlung auch nur erwähnt. Dies könnte damit zusammenhängen, dass man sie frühzeitig verfallen ließ, nachdem die Gefahr vorüber war, die zu ihrer Errichtung gezwungen hatte. Es gab sie nicht mehr, als Emil Sigerus , Virgil Vataseanu, Walter Horwath , George Oprescu , Gustav Treiber , Juliane Fabritius-Dancu sowie Hermann und Alida Fabini ihre wissenschaftlichen Abhandlungen über die siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen schrieben.
Vielleicht war sie aber im Vergleich zu anderen Kirchenburgen auch viel zu bescheiden, um aufgrund einer genauen Besichtigung vermessen, gezeichnet und eingehend beschrieben zu werden. Aus diesem Grunde sind wir auf Rückschlüsse anhand von spärlichen Aufzeichnungen und eigenen Beobachtungen des Verfassers angewiesen.

Die Abtsdorfer konnten sich aufgrund der Kleinheit und der damaligen Armut der Gemeinde keine groß angelegte Kirchenburg leisten. Die volkarme Gemeinde verfügte aber auch nicht über genügend Leute, um eine größere Anlage mit Verteidigern zu besetzen. Und es kam noch etwas hinzu.
Abtsdorf war durch seine geschützte Lage im oberen Teil eines kleinen Seitentals den Türkeneinfällen weniger ausgesetzt als beispielsweise Ortschaften, die in einem verkehrsgünstigen Haupttal lagen, durch das eine große Heeresstraße führte.
So bot bei Überfällen durch nur kleine feindliche Truppen auch eine bescheidene Wehranlage ausreichend Schutz. Erste Hinweise auf Befestigungsarbeiten an der Abtsdorfer Kirche gehen auf das Jahr 1520 zurück, als die Sieben Stühle der Gemeinde hierfür 6 Gulden zur Verfügung stellten. Zum gleichen Zweck erhielt die Gemeinde auch im darauf folgenden Jahr finanzielle Unterstützung, ohne dass jedoch die Höhe des Betrags genannt wird. Es handelte sich hier mit großer Wahrscheinlichkeit um die Wehrbarmachung des Kirchhofs. Die bereits bestehenden Kirchhofmauern könnten damals erhöht und mit Schießscharten und Pechnasen versehen worden sein.

Die Ringmauer bildete wie bei allen siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen den wichtigsten Bestandteil der Abtsdorfer Wehranlage. Ihr wahrscheinlicher Grundriss wird in Abb. 167d dargestellt. Er zeigt ein unregelmäßiges Vieleck, wie sie in Siebenbürgen Ende des 15. und im 16. Jahrhundert Verwendung fanden. Ringmauern mit ovalem Umriss, die in Siebenbürgen ebenfalls oft vorkommen, sind älteren Datums und werden gewöhnlich dem 13. und 14. Jahrhundert zugeschrieben. SIEHE Abb.167d
Der Bering hatte in Abtsdorf einen Umfang von ca. 140 Meter und umschloss eine Gesamtfläche von ca. 1.200 m², so dass die befestigte Fläche etwa 250 Menschen Platz und Schutz bieten konnte. Die Höhe der Ringmauer könnte bei 4 Meter gelegen haben. Dass die Ringmauer in ihrem oberen Teil einen überdachten Wehrgang aufwies, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte sie an der Innenseite mit einem einfachen, auf Hängeböcken ruhenden und aus Holz gefertigten Umlauf versehen gewesen sein, von wo aus die Burg verteidigt wurde.

Wie oft werden die Abtsdorfer von dieser Stelle aus zugesehen haben, wie der Feind ihre Häuser in Brand steckte und das ganze Dorf nieder brannte, nachdem er ihr gesamtes Vieh geraubt und aus dem Dorf getrieben hatte.

Die Abtsdorfer Kirchenburg scheint auch über keinen Torturm verfügt zu haben, von wo aus man den Eingang in die Burg hätte verteidigen können. Bei kleineren Burgen, die nur von einer Ringmauer ohne Wehrtürme umgeben waren, gelangte man gewöhnlich durch einen in der Ringmauer ausgesparten Torbogen, der durch ein aus eisenbeschlagenen Eichenbohlen gefertigtes Tor geschlossen wurde, in die Burg, wie beispielsweise in Hamlesch, Tobsdorf oder Bußd. Zusätzlich haben vielleicht noch ein eisernes Fallgitter oder über dem Torbogen angebrachte Pechnasen die Wehrsicherheit im Bereich des Toreingangs erhöht.

Bei Beringen vom Ende des 15. und aus dem 16. Jahrhundert wurde über dem Eingang oft ein Scharwachtürmchen gebaut, das auf hölzernen Konsolen ruhte und über der Mauer ausgekragt war, so in Hamruden und Probstdorf.

Auch die Abtsdorfer Burg verfügte über ein solches Beobachtungstürmchen. Dies geht aus der in lateinischer Sprache verfassten Konskription von 1788 hervor, in der zum ersten Mal die Abtsdorfer Kirchenburg beschrieben wird.
Der übersetzte Text lautet: "Die Kirche, dem Augsburger Bekenntnis zugehörig, ist ein Steinbau mit Ziegeldach. Ringsum verläuft eine Mauer, über der sich ein aus Balken gefertigter Holzbau in Form von einem Kasten erhebt. Dieser ist mit Schindeln gedeckt und dazu bestimmt, ringsherum Ausschau zu halten. Innerhalb (der Ringmauer, d. V.) befindet sich ein Haus, das die Nummer 43 trägt und dem Burghüter als Wohnung dient. Sie (die Burg, d.V.) reicht in östlicher Richtung bis außerhalb des Dorfes. Sie grenzt nach Osten an das freie Feld, im Übrigen jedoch an die Straßen des Dorfes".

Das über der Ringmauer befindliche und mit Brettern verkleidete Wachtürmchen diente demnach dem Burghüter als Auslug, um das Herannahen des Feindes rechtzeitig mit der Sturmglocke ankündigen zu können. Es könnte gleichzeitig als Glockenturm gedient und mit großer Wahrscheinlichkeit an derselben Stelle gestanden haben, an der 1799 der heutige Glockenturm errichtet wurde.

Die westliche Orientierung dieses Beobachtungstürmchens war kein Zufall, denn von hier konnte man nicht nur das ganze Dorf überblicken, sondern auch die aus südlicher Richtung ins Dorf führende Straße, auf der die Türken gewöhnlich das Dorf erreichten.

Als letzter Zufluchtsort diente - wenn der Feind die Mauern erstürmt hatte - die Kirche. Das kleine und doch massiv wirkende Gotteshaus trug eindeutig den Charakter einer Wehrkirche.
Die Abtsdorfer Kirche war zwar nicht zusätzlich befestigt, sie war aber mit kleinen, schmalen Schlitzfenstern versehen, die zudem erst in einer Höhe von 3,2 Metern ansetzten, so dass durch sie ein Einsteigen ins Kircheninnere nicht möglich war. Sicherlich war die Kirche mit einer starken, eisenbeschlagenen Tür versehen, die bei Gefahr durch quer gelegte hölzerne Balken verbarrikadiert werden konnte. Auch ein Fallgitter vor der Kirchtür ist durchaus denkbar.

Direkte Nachrichten über die Art und Weise, wie die Abtsdorfer ihre Kirchenburg als Zufluchtsstätte benutzt haben, sind uns nicht bekannt. Auch wissen wir nicht im Einzelnen, ob und wie Abtsdorf von den verheerenden Türkeneinfällen nach Siebenbürgen heimgesucht wurde.

Wir wissen bloß, dass die Abtsdorfer bei einem türkischen Überfall wichtige Urkunden verloren hatten, in denen die Zugehörigkeit des Fettendorfer Gebiets zu Abtsdorf verzeichnet war.
Darüber erklärten die Vertreter Abtsdorfs vor dem Mediascher Stadtrat am 7. Dezember 1582: "... nachdim für langin Jahrin zur Ziit dis Unfridins disi gimiin Appesdorff von din Türkin verwistit und zurplindirt wordin, zu wilchir Ziit disi gimiin umb alli iri priviligiin und hattirt Briiff is komin" .

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Hinter die Mauern der Kirchenburg flüchteten nicht nur Menschen, sondern man konnte auch Vorräte und Hausrat innerhalb des Burgrings bzw. in der Kirche unterbringen. Entlang der Innenseite der Ringmauer wurden Fruchtkammern gebaut oder in geschützter Lage Truhen und Fruchtkästen untergebracht. Sie dienten zur ständigen Aufbewahrung der Getreidevorräte und anderer Güter, ohne die eine längere Belagerungszeit nicht zu überstehen war.
Das Vorhandensein von Fruchtkammern in der Abtsdorfer Burg ist urkundlich belegt. So wird in einem im Jahre 1800 angelegten Verzeichnis über die Abtsdorfer Kirchengüter "eine bey der Kirche befindliche Fruchtkammer" vermerkt.

Zusätzliche Informationen in diesem Zusammenhang enthält das am 30. Juni 1819 durch den damaligen Ortspfarrer Johann Michael Mangesius gefertigte "Inventarium" über die beweglichen und unbeweglichen Kirchengüter. Dieses gibt genauen Aufschluss über die Größe der zur Kirche gehörenden Fruchtkammer, sowie deren Bauweise: "Eine gemauerte Fruchtkammer bey der Kirche. Länge 3 Kl. 4 Schuh (6,95 m, d.V.) Breite 2 Kl. 3 Schuh (4,74 m, d.V.)". Mit Sicherheit hat es entlang der inneren Ringmauer eine Vielzahl solcher Fruchtkammern gegeben.

Auch das Vieh musste vor dem Zugriff des Feindes geschützt werden. Dafür legte man außerhalb der Ringmauer Zwinger an, in die das Vieh bei drohender Gefahr getrieben wurde.
Man kann annehmen, dass - wie im benachbarten Magarei- auch in Abtsdorf jenseits der Hauptmauer streckenweise eine zweite, etwas niederere Mauer stand, die dem Vieh Schutz bot.

Als man im Jahre 1799 den heutigen Glockenturm baute, hatte die Abtsdorfer Burg ihre Verteidigungsfunktion schon längst eingebüßt. Aus diesem Grunde ist der Turm weder mit Schießscharten noch mit Wehrgängen versehen.
Er kam wahrscheinlich genau an der Stelle zu stehen, wo sich vorher die Einfahrt in die Kirchenburg und das darüber stehende Wachtürmchen befunden hatten, wobei für die Westwand zum Teil das Fundament der abgetragenen Kirchenburg benutzt wurde. Nur so ist es zu erklären, dass der Kirchturm nicht an die Kirche anschließt, sondern 6,5 Meter westlich davon, und demnach getrennt von ihr, steht.

Zur selben Zeit könnte auch das sich nördlich an den Kirchturm anschließende Burghüterhäuschen errichtet worden sein, dessen Westwand ebenfalls auf das Fundament der Kirchenburg zu stehen kam.

Letzte Renovierungsarbeiten sind an der Abtsdorfer Kirchenburg im Jahre 1805 vorgenommen worden. In der Folgezeit war sie dem Verfall preisgegeben, bis man schließlich ihre letzten Reste 1913 abtrug und das Abbruchmaterial beim Bau der Schule und des als Lehrerwohnung bekannten Gebäudes verwendete. Auch diese Gebäude standen mit ihrer West- und Südwand auf dem Fundament der ehemaligen Kirchenburg.

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